Montag, 30. Januar 2006

Was sie brauchen, ist Fleisch!

Bei Frau Webcat72 wurde ich an eine wunderbare Geschichte von Octave Mirbeau, die in dem Roman "Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers" enthalten ist, erinnert.

Für Liebhaber von Schnecken und geschmackvollen Geschichten gibt es diese nun hier zu lesen.
C. Araxe - 2006.01.30, 09:37

Jean Kerkonaic, ein Zollhauptinspektor, wünschte sich, nachdem ihm seine Alterspension ausgezahlt worden war, seine Tage in seiner geliebten Bretagne zu beschließen, die er in sehr jungen Jahren verlassen hatte, die er aber, wohin ihn seine blaue Hose mit roten Streifen auch geführt hatte, dennoch stets in seinem Herzen in lebhafter Erinnerung behielt. Er wählte sich eine malerische Stelle am Ufer des Flüsschens Goayen zwischen Audierne und Pontcroix und baute dort ein kleines Haus. Sein kleines Haus war ganz weiß inmitten der Kiefern und nur wenige Schritte von dem Flüsschen entfernt, das ganz grün war von dem Seegras, das es bei Ebbe wie eine Wiese bedeckte. Bei Flut war es ein gewaltiger Fluss, der zwischen hohen, bald mit stämmigen Eichen, bald mit Schwarzkiefern bewachsenen Hügeln dahinfloss.
Als er sein Anwesen in Besitz nahm, sagte sich der Hauptinspektor: "Endlich werde ich in aller Ruhe an den Bigorneaux arbeiten können."
Vielleicht ist es nicht unangebracht, den Gelehrten ins Gedächtnis zu rufen, dass das Wort Bigorneau nichts anderes als der volkstümliche Name für jene winzige Mollusken- oder Weichtierart ist, die unser Cuvier, man weiß nicht weshalb, als turbo littoral bezeichnet. Für diejenigen, die in der Meeresfauna nicht bewandert sind und die das fachgebiet der Embryologie herzlich wenig interessiert, füge ich noch hinzu, dass der Bigorneau - auch Strandschnecke genannt - jenes kleine Schalentier der Gattung "Gasteropoden und Schneckenartige” ist, das man an sämtlichen Tafeln bretonischer Hotels als Hors d'oeuvre serviert und das man verzehrt, indem man mit Hilfe einer Nadel und heftig kreisförmig wirbelnden Bewegungen aus seiner schale zerrt. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe.
"An den Bigorneaux zu arbeiten", das war ein Gedanke, der den braven Hauptinspektor Kerkonaic bereits seit langem wie besessen verfolgte; nach den Worten derer, die ihn kannten, war dies sogar der einzige Gedanke, der sein Hirn jemals heimgesucht hatte, denn er war ein vortrefflicher Mensch im Sinne der Evangelien.
Er war stets, wie er sagte, verblüfft gewesen über die kulinarische Vortrefflichkeit dieser Molluske, aber auch über ihre Winzigkeit, die ihre Verwendung in der Ernährung kompliziert und mühsam macht. Der Hauptinspektor hatte aber den Ehrgeiz, dass der Bigorneau keine örtlich beschränkte Laune der gastlichen Tafel bleiben, sondern zu einem allgemeinen Nahrungsmittel werden sollte wie zum Beispiel die Auster, die ihm aber nicht das Wasser reichen könne, nein, nicht-das-Wasser-reichen-könne. Oh, so dachte er, wenn der Bigorneau doch nur das auch nicht gerade übertrieben Volumen der landlebenden und salatfressenden Gartenschnecke erreichen könnte! Was für eine Revolution! Das würde seinen Ruhm und, wer weiß? ... vielleicht seine Fortüne bedeuten. Ja, aber wie die Sache beginnen?
Und da sagte sich der vortreffliche Zöllner, während er bei Ebbe an den Uferböschungen entlangspazierte und durch die felsigen Pfützen stiefelte, in denen sich der Bigorneau festsetzt, dessen sowohl nomadisierende als auch sesshafte Sitten er unermüdlich studierte und den er unter dem zweifachen physiologischen Aspekt der zellularen Elastizität seiner Schale und seiner möglichen Fähigkeit, sich mästen zu lassen, untersuchte - da sagte er sich:
"Man mästet schließlich auch die Ochsen, die Schweine, das Geflügel, die Austern und die Chrysanthemen. Man verleiht ihnen abnorme Proportionen, monströse Entwicklungen, die die Natur in Erstaunen versetzen... Und nur der Bigorneau als einziges unter den organisierten Lebewesen soll für diese intensive Zucht ungeeignet sein, sich dem Fortschritt gegenüber sperren? ... Das ist doch unmöglich."
Voll und ganz seiner Idee hingegeben, vergaß er die Küsten, das Entladen der Schiffe, das wöchentliche Übungsschießen mit den Rettungsraketen zu überwachen. So brauchte sich der Schmuggel nicht einmal mehr zu verstecken, und die Seeleute deckten sich mit dem reichlichen von der See angespülten Strandgut ein... es kehrten die Zeiten der einstigen Zoll-Franchise zurück, und das goldene Zeitalter der paradiesischen Freiheiten erblühte aufs neue im Land.
Eines Nachts, als er einige Fischer aufs Meer hinaus begleitet hatte, hievten diese in ihrem Schleppnetz die halb abgefressene Leiche eines Mannes an Bord, dessen Brust- und Bauchhöhle voller Bigorneaux waren. Die Bigorneaux wimmelten wie Würmer in den verfaulten Fleischpartien, sie klebten in wilden Trauben an den grünschimmernden Gebeinen, sie okkupierten das innere des enthirnten Schädels, durch dessen angefressene Öffnungen der Nasenlöcher und der Augen, sich gegenseitig schiebend und stoßend, ständig ganze Armeen weiterer Bigorneaux eindrangen. Und das waren keine kleinen von jener mageren und schwindsüchtigen Art, wie man sie an den Flanken der Felsen zwischen den Algen aufliest. Nein, das waren riesige und opulente Bigorneaux von der Größe einer Walnuß, vollgefressene und dickbäuchige Bigorneaux, deren fleischiger Körper aus dem perlmuttfarbenen Schneckengehäuse quoll, das herrlich im Mondlicht schillerte.
Das war für den Zöllner eine urplötzliche Offenbarung und voller Begeisterung schrie er auf:
"Jetzt weiß ich, was sie brauchen ... Sie brauchen Fleisch!"
Am nächsten Morgen nahm er einen Vorrat dieser Mollusken, den er sich unter den fettesten und nahrhaftesten Teilen des Kadavers ausgewählt hatte, mit nach Hause, ließ sie sich kochen und verspeiste sie. Er fand sie zart, auf der Zunge zergehend und von köstlichem Geschmack. Bereits ein leichtes Saugen mit den Lippen löste sie so mühelos aus ihrem Gehäuse, so dass das zu langwierige und "diffikultöse" hantieren mit der Nadel überflüssig wurde.
"Was sie brauchen, ist Fleisch!" wiederholte er vor sich hin. "Das ist eindeutig..."
Der Hauptinspektor hütete sich, auch nur irgendeinem von seiner Entdeckung zu erzählen, und die ganze Nacht hindurch träumte er von ungeheuren und riesigen Bigorneaux, die sich im Meer tummelten und sich verfolgten, in schäumender Gischt bald auf-, bald untertauchten wie Wale.
Erst einige Jahre später, nachdem seine Dienstzeit beendet war und er sich sein Haus gebaut hatte, begann er mit seinen Experimenten. Er suchte sich in dem Flüsschen eine Stelle, bestehend aus felsigen, gut mit Algen bedeckten Durchlässen und richtete dort Zuchtbecken oder "Bänke" von der Art ein, wie man sie in Holland für die Austern anlegt, eine Reihe rechteckiger Kammern, eingefasst von betonierten, niedrigen Mauern und jeweils mit einer Schleuse versehen, um das Wasser bei Ebbe zurückzustauen oder je nach Erfordernissen der Zucht abzulassen. Anschließend bevölkerte er diese Schneckenbänke mit jungen, lebhaften, wohlgestaltigen Bigorneaux, die er sorgfältig unter denen ausgewählt hatte, die ihm am zukunftsträchtigsten zu sein schienen. Und schließlich fütterte er sie jeden Tag mit Fleisch.
Um seine Bigorneaux zu ernähren, machte er sich zum Wilderer. Nacht für Nacht auf der lauer liegend, schoß er Kaninchen, Hasen, Rebhühner, Rehe, die er anschließend in blutigen Vierteln in seine Zuchtbänke warf. Er erschoss die Katzen, die streunenden Hunde, all jenes Getier, das von dem Verwesungsgeruch angelockt wurde oder dem er zufällig in Reichweite seiner Flinte begegnete. Wann immer ein Pferd oder eine Kuh in der Gegend verendete, kaufte er die Kadaver, zerteilte sie und schichtete sie samt Knochen, Muskeln und Fell in seine gemauerten Gevierte, die schon bald zu einem unerträglichen, einem den Atem raubenden Leichenberg wurden. Tagtäglich wuchs und wuchs das Ausmaß an Aas und Verwesung, verpestete die Luft, wehte den Odem des Todes über Pontcroix und Audierne. Die Bauern, die einige Kilometer weit entfernt wohnten, wurden plötzlich von unbekannten Krankheiten befallen und starben unter entsetzlichen Qualen dahin. Fliegen verbreiteten den Tod unter dem Vieh, über die Heide, die Hügel, die Wiesen. Die Pferde bäumten sich, scheuend vor dem infamen Gestank mitten auf der Landstraße auf und wollten keinen Schritt mehr weiter tun oder gingen in wilder Panik durch. Niemand kam sich mehr an den Ufern des Flüßchen ergehen.
Man erhob Beschwerde ... aber vergebens.
Der Hauptinspektor wiederum wurde menschenscheu wie ein Tier. Er trennte sich nicht mehr von seinen Zuchtbänken, in denen er, bis zum Bauch in der Fäulnis watend, mit Haken die Aasteile rührte und wendete, auf denen es von Bigorneaux nur so wimmelte. Mehrere Wochen vergingen, während der man ihn weder in Audierne, noch in Pontcroix erblickte, wo er es gewohnt war, samstags seine Einkäufe zu machen. Aber man sorgte sich nicht, sondern man sagte sich: "Sicher frisst er sein Aaszeug, um Geld zu sparen."
Eines Tages entschloss sich doch jemand, dem Zuchtpark einen Besuch abzustatten. An dem kleinen weißen Haus zwischen den Kiefern standen alle Türen offen.
"He, Hauptinspektor?"
Niemand antwortete.
Der Besucher stieg zu dem Park hinunter, während er weiter "He, Hauptinspektor?" rief.
Aber niemand antwortete.
Und als er das Kadavergefild erreicht hatte, machte der Besucher vor Entsetzen einen Sprung zurück.
Auf einer Pyramide grünschillernder Aasstücke, aus denen in klebrigen Strömen der Eiter rann, lag die Arme ausgestreckt zum Kreuz, ein Mensch, ein Mann, den man nicht mehr hätte identifizieren können, denn sein Gesicht war zur Gänze weggefressen von Bigorneaux, die seine Augen leergesaugt und seine Nase und seine Lippen abgenagt hatten.
Das war der Hauptinspektor Jean Kerkonaic. Er hatte recht gehabt ... "Was sie brauchen, ist Fleisch!"...

twoblog - 2006.01.30, 13:58

Wird meine Nachtlektüre, um gut einschlafen zu können ;-).
C. Araxe - 2006.01.30, 14:02

Sie müssen morgen unbedingt einen Beitrag schreiben, in dem Sie berichten, was Sie geträumt haben. ;·)
katzenbeisser - 2006.02.06, 10:22

kennen sie den schneckenforscher von p. highsmith? nicht ganz so blutrünstig aber auch eklig :)
C. Araxe - 2006.02.06, 10:29

Nö, kenne ich nicht. Aber wenn's nicht ganz so blutrünstig ist, dann lohnt es sich ja nicht. ;·)
Pegasus200 - 2006.01.30, 13:26

Tja, wenn das nicht Grusel genug ist...
Pfui, bah!

C. Araxe - 2006.01.30, 14:01

Wenn Sie das nächste Mal im Gruselkabinett weilen, kann ich Ihnen gerne Schnecken servieren. *g*
Pegasus200 - 2006.01.31, 00:30

Solche Geschichten machen mich ganz fuchsig! Warum ist der Mann denn gestorben? Und warum war er AUF dem Fleischhügel? Und warum nur das Gesicht?
C. Araxe - 2006.01.31, 07:21

Vielleicht so

Wahrscheinlich hat er da neues Fleisch raufgeschafft und ist dann dummerweise ausgerutscht.
Sie kennen sicher den Spruch, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, nicht wahr? Auch hierbei wird ersichtlich, dass die Weichteile zuerst dran sind. Dass hier bei den Weichteilen nur das Gesicht beschrieben wird, liegt sicher nicht an der Verklemmtheit des Autors, wenn man sich so andere Werke des Autoren ansieht, sondern ist eher dramaturgischen Gründen geschuldet. Eine große Anhäufung von Ekel(etc.)szenen, erzeugt nicht noch mehr Ekel, sondern eine Abstumpfung, siehe de Sade.
zwilobit - 2006.01.30, 13:48

Hui, würde meine Mutter das lesen, sie würde denken: das MUSS ich meiner Tochter zukommen lassen.
Ja, eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack.

C. Araxe - 2006.01.30, 14:00

Betonung auf Geschmack!
Webcat72 - 2006.01.30, 18:33

... wie immer: alles nur eine Frage der Position in der Futterkette ..... *wüürrrrggggg* :-))

C. Araxe - 2006.01.30, 19:10

Das wischen Sie jetzt aber weg da!
;·)
  Vorsicht,
  bissige Bloggerin!

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