Donnerstag, 1. Mai 2008

Transgression meines Horizonts ohne Exzess

„Das Sein wird uns nur in einer unerträglichen Entgrenzung unseres Seins geschenkt, die nicht weniger unerträglich als der Tod ist. Und da es uns im Tod zugleich geschenkt und wieder entzogen wird, müssen wir es in der Fühlung des Todes suchen, in den unerträglichen Augenblicken, in denen wir zu sterben scheinen, weil das Sein in uns nur noch Exzess ist, wenn die Fülle des Schreckens und die Fülle der Freude zusammenfallen.
Selbst das Denken (die Reflexion) vollendet sich in uns nur im Exzess. Was bedeutet Wahrheit, außer Vorstellung des Exzesses, wenn wir nur das sehen, was über die Möglichkeit zu sehen hinausgeht, was zu sehen unerträglich ist, wie es in der Ekstase unerträglich ist, zu genießen? – wenn wir das denken, was die Möglichkeit zu denken, übersteigt?*

*Ich bitte um Verzeihung, wenn ich hier hinzufüge, dass diese Definition des Seins und des Exzesses philosophisch nicht begründet werden kann, da der Exzess die Begründung aufhebt: der Exzess ist gerade das, wodurch das Sein zuerst und vor allen Dingen außer allen Grenzen ist. [...]

(Georges Bataille)

Oder um einfach eine Frage zu stellen, deren Antwort sich mir entzieht: Was ist an Gina Lollobrigida transgressiv?

Das soll jetzt kein Blog-Bashing sein; ich bin wirklich an einer Antwort interessiert.
Orinoko - 2008.05.01, 16:31

Muss der Begriff der Transgression der hier wirkich an der Person Gina Lollobrigidas festgemacht werden? Dann doch vermutlich nur in dem Zusammenhang ihrer aktiven Filmzeit, der fünfziger und sechziger Jahre. Da galt sie als Sexsymbol, sowas wie die personifizierte Verruchtheit, männermordender Vamp ausserhalb anerkannter Konvention. Also auch dann nur als Bild für Transgression.
Sind Sie sicher, daß hier nicht die Szene inhaltlich gemeint ist?

C. Araxe - 2008.05.01, 16:51

1928 wurde beispielsweise „Die Geschichte des Auges” von Georges Bataille veröffentlicht und im Vergleich zu dieser Geschichte kann man bei Gina Lollobrigida bzw. der Rolle, die sie allgemein im zeitlichen Kontext darstellte, keinerlei Verruchtheit erkennen.

Wenn es nur um ein simples „Vorhang auf” geht, dann gäbe es auch passendere Alternativen, z. B. den Trailer von „Šílení” (engl.: „Lunacy”) von Jan Švankmajer. Der passt dann nicht nur von der Vorhangszene her dazu, sondern auch inhaltlich zu der Thematik.
Orinoko - 2008.05.02, 00:38

Lunacy war mir unbekannt und passt natürlich hier weit besser, keine Ahnung warum Gina genommen wurde. Möglicherweise rein subjektive Tabuvorstellungen :-) das kann hier nur spekuliert werden.

Hach, und dafür habe ich nun 57 MB Quicktime Update laden müssen :-P
C. Araxe - 2008.05.02, 09:36

Das ist Švankmajer aber auch wert. Der (ganze) Film ist wie alle von ihm zutiefst beeindruckend. Den Herrn Praktikanten habe ich auch schon švankmajerisiert. *g*
schlepp - 2008.05.01, 18:06

Sehn'se, eben hatten Sie sich noch über mangelnde Fieberphantasien beklagt, und dann solch ein Beitrag.

Geht doch.

C. Araxe - 2008.05.01, 18:17

Ach, was. Bataille ist bei meinem Pseudonym ja Pflichtprogramm, auch wenn dieses meist mehr als vernachlässigt wird.
el_praktikant - 2008.05.01, 19:02

Also ich hätte eine Gegenfrage. Mir ist der "Transgressiv" als eine infinite, von Partizipien abgeleitete Verbform in einigen slawischen (und baltischen) Sprachen bekannt.(man spricht hier auch gern vom Adverbialpartizip) Er drückt einen Nebenvorgang aus, der Hauptvorgang wird anders umgesetzt. Der Nebenvorgang kann im Bezug auf den Hauptvorgang zeitlich vor oder nach, aber auch parallel liegen und bezieht sich immer auf das Subjekt . Dies gilt nicht für das Sorbische sowie das Mazedonische.Hier kann er sich auch auf das direkte Objekt beziehen.
Man könnte sagen, der Bezug zu Gina Lollobrigida sei mir etwas schleierhaft, verehrte Damen und Herren...
der praktikanti...=)

el_praktikant - 2008.05.01, 19:07

Der Begriff der Transression hängt wohl auch nicht mit dem des Transgressiv zusammen. Er beschreibt bsw.das vordringen in verschiede Regionen des Meeres ( marine transgression) und entstammt eigentlich der Geologie...
Vielleicht kann/möchte man mich aufklären, bitte sehr.

C. Araxe - 2008.05.01, 19:59

Transgressiv wird hierbei als Adjektiv im Zusammenhang mit dem Bataillschen Terminus der Transgression verwendet, welcher eine Überschreitung meint, die immer mit einem Tabu verbunden ist. Diese Transgression führt zu einem Zustand des Außersichseins, eine innere Erfahrung, die nichts mit Innerlichkeit zu tun hat, sondern deren Gegenteil, und durch die man zu einer Souveränität gelangt, die jegliche Macht untergräbt.
C. Araxe - 2008.05.01, 20:17

Und Foucault bezeichnete dies als „nicht-affirmative Bejahung”.
schneck06 - 2008.05.02, 01:06

verstehe.
NeonWilderness - 2008.05.02, 01:12

Da soll noch mal einer sagen, dass Paracetamol keine bewusstseinserweiternde Wirkung hat.

Ich hab mir auch gerade 2 eingeworfen - mich hat's auch erwischt. Das heißt: morgen früh, wenn ich so richtig auf Drogen bin, diskutiere ich mit...
C. Araxe - 2008.05.02, 09:40

Isch ’abe gar kein Paracetamol.

Aber ich habe heute zum ersten Mal nur noch knapp 38 °C und habe gleich festgestellt, dass ich das Zitat schon mal teilweise zitiert habe. Naja, so etwas merkt außer mir ja soundso niemand.

Na, dann bin ich ja nun gespannt, was Ihr Placebo bewirkt.
caliente_in_berlin - 2008.05.02, 16:01

Hach, see you the bitter end...
C. Araxe - 2008.05.02, 17:43

Mein’Se Herrn Neon?
(Der traut sich ja gar nicht mehr her. *g*)
NeonWilderness - 2008.05.02, 18:34

Ruhe bitte! Ich hab transgressive Magenschmerzen von den Placebos!
C. Araxe - 2008.05.02, 18:36

Ham’Se einen Magendurchbruch bis zu den Ohren?
NeonWilderness - 2008.05.02, 18:41

Bislang quillt noch nichts aus den Ohren heraus, aber ich kann nicht ausschließen, dass es noch passieren wird. Sie wollen sicher Fotos, wenn's soweit ist?
C. Araxe - 2008.05.02, 18:43

Das versteht sich von selbst.

Aber noch brauche ich dann ja nicht ruhig zu sein.
NeonWilderness - 2008.05.02, 18:52

Bilder von überquellenden Ohren sind im Bataillschen Duktus eine klare Grenzüberschreitung durch Tabuverletzung. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass Sie oder ich dadurch einen Status innerer Souveranität erlangen. Und jetzt Ruhe bitte - ich möchte mich meiner krankheitsbedingten Selbstbemitleidung hingeben. *transgressiv guck*
C. Araxe - 2008.05.02, 19:01

Es gibt ein Tabu, welches Bilder von überquellenden Ohren betrifft? Sind die FSK 18, wenn es sich dabei um Filmaufnahmen handelt?

Passen Sie lieber auf, sonst erkläre ich Sie für die Notschlachtung hinfällig.
NeonWilderness - 2008.05.02, 19:18

Allerdings: Man nennt es "Geschmack". Und natürlich werde ich bei den Filmaufnahmen vollständig unbekleidet sein. Das bin ich meinem künstlerischen Anspruch schuldig.
C. Araxe - 2008.05.02, 20:43

Oh, das wird auf eine Indizierung hinauslaufen.

Aber bedenken Sie auch die sozialen Folgen:

„Tabuverletzungen werden auch nicht durch kodifizierte Strafen geahndet - vielmehr stellen sich Schuldgefühle, Abscheu und Scham von selbst ein: ,der Täter wird isoliert, von der Gemeinschaft gemieden, tabuiert - modern auch: etikettiert’ (Reimann 1989, 421).”
(Quelle)
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