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Donnerstag, 23. Juli 2009

Meerleichen und Leichenmeer

Mit frischem Regen und ebensolchem Segen (so etwas kann ja nur mir Heidenkind passieren) ging es hoch in den Norden – dem Ziel hinter der grauen Stadt am Meer entgegen.
Noch musste das Meer warten, vielmehr musste ich auf das Meer warten. Keine Zeit, die spurlos vergangen ist, mag diese vielleicht auch absinthlich außerhalb der Spur gewesen sein. Nach einer Nacht mit überhöhter Beißfrequenz fühlte man sich nicht so ganz lebendig, weswegen die Nähe zu den moorigen Leichen um so größer war. Immerhin war man wieder sehend geworden (wofür man sich nicht genug bedanken kann), so dass man, die Müllberge hinter sich lassend, des Moores Beute ausgiebig in Augenschein nehmen konnte.



Ein Stich ins Herz, den Kopf abgeschlagen und die Genitalien abgetrennt – Verstümmelungen gab es zu allen Zeiten.



Mit Haut und Haaren mag man damals auch vieles angegangen sein – übrig blieb manchmal nur eines von beiden. (Haarig wird es hier bei den Kommentaren.)



Nichts ist so wie es scheint – ein Mädchen ist keine Ehebrecherin, sondern ein Junge. Eine sexuelle Geste verliert sich ebenso wie eine Augenbinde in Zufälligkeit.



Irrungen und Wirrungen ließen nur wenig Zeit für Haithabu zu. Die Runen mussten sich bei ihrem Raunen beeilen. Dafür täuschte der Himmel etwas Blau an.



Noch vor dem Meer flieht die Sonne und Grau in Grau türmt sich Wolke auf Wolke. Hinter dem Deich spürte man noch nicht viel vom Sturm – hier herrscht eine Ruhe, in der man ewig verharren könnte.



Doch das Meer ruft lauter. Um dieser Einladung zu folgen, bedarf es allerdings einiger Überwindung – gar eisig weht der Wind; das Wasser ist nicht minder kalt. Trotzdem führt der Weg unweigerlich in die salzigen Fluten hinein. Darin treibend, als hätte das Meer sich eines Leichnams angenommen, den es für alle Zeiten den Rhythmus der Wellen angedeihen lässt. Auch wenn man dann selbst nur noch eine Welle zu sein scheint, so lässt der Atem die eigene Lebendigkeit um so intensiver wahrnehmen. Allein die Kälte vermag diese Verbindung zu lösen, bevor man zur realen Wasserleiche wird.



Am nächsten Morgen wird ein Möwenschrei erneut zur See locken. Und immer noch brandet der Ruf der Wellen nach.
Nie wird er verklingen.