Sonntag, 11. Februar 2007

Blindes Grauen

Beraubt der Bilder bleiben nur die Worte. Sie schaffen es aber mühelos, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Bilderwelten, die weitaus kraftvoller sind als es reale Bilder je sein können. Und deshalb sind diese nicht sichtbaren Bilder um so wahrer. Alles Sehen ist Lüge, so lange man nicht dahinter schaut. Es ist kein Wegsehen, sondern ein viel genaueres Hinsehen. Die Augen schließen und das sehen, was dort hinter den Lidern im rotschimmernden Dunkel erscheint. Das können auch Worte nicht beschreiben, nur umschreiben.

Bilder verschwinden und Bilder tauchen wieder auf. Es gibt nichts, was ewig währt.
honigsaum - 2007.02.11, 15:59

Ja, das Grauen entsteht im eigenen Kopfe. Ich gebe allerdings noch zu bedenken, dass es reale Bilder gibt, die man nicht mehr vergessen kann (was natürlich auch keine Entsprechung zu "ewig" ist).

C. Araxe - 2007.02.11, 16:08

Aber auch diese Bilder wirken ja nicht durch das bloße Sehen.
pollon - 2007.02.11, 16:50

In Bildern sehen wir, was wir sehen wollen.. weil wir ihnen Bedeutungen zuschreiben, an die wir uns gewöhnt haben oder auch weil wir keine anderen Bedeutungen kennen. Und oft ist es bei Worten nicht anders, nur dass sie uns die Möglichkeit geben, Bilder zu entwickeln. Sind Bilder nicht auch nur Text, dem wir Bedeutung geben? Obwohl es schon so ist: je eindeutiger die Bedeutung eines Bildes, umso weniger sehen wir in der Regel dahinter.
C. Araxe - 2007.02.11, 16:55

Worte

Ja, deswegen ist eben nur eine Umschreibung, keine Beschreibung möglich. Auch wenn man anderes möchte.
pollon - 2007.02.11, 17:07

Oh, ich dachte mehr ans Lesen als ans Schreiben.
Und das Wortmassaker ist eine sehr plastische Umschreibung, was das Hadern mit den Worten betrifft, äußerst bildhaft... und sehenswert: das was Sie ausdrücken wollten, wird sichtbar, ohne symbolisierendes Bild/Foto.
honigsaum - 2007.02.11, 19:02

Natürlich nicht, das gilt für alle Sinneswahrnehmungen; das ist eben die phänomenologische Sackgasse.
C. Araxe - 2007.02.11, 19:35

@Frau Honigsaum
Nur tritt das besonders bei Wort und Bild hervor.
honigsaum - 2007.02.11, 19:55

Wörter sind auch eine ganz andere Sache; Wörter sind mystische Bilder aus erfundenen Zeichen...
C. Araxe - 2007.02.11, 20:07

Das trifft aber auf Bilder (und um mal dieses passend/unpassende Duo etwas aufzubrechen - ebenso beispielsweise Töne) genauso zu. Vielmehr noch würde ich dies als ursprüngliche Form hierfür bezeichnen.
honigsaum - 2007.02.11, 20:14

Es ist eine Frage der Abstraktionsebene; je abstrakter, desto komplexer die (Be-)Deutung.
C. Araxe - 2007.02.11, 20:27

Ich dachte da nur an vorwortliche Zeiten (die schriftliche Form betreffend) und dass deren Bilderwelten zwar auch eine gewisse Abstraktion aufweisen, aber trotzdem klar erkennbar sind, was das Abgebildete betrifft und dennoch mehrere Deutungsebenen haben.
honigsaum - 2007.02.11, 20:57

Ja, Höhlenbilder sind realistisch (zumindest realistisch gemeint), aber trotzdem schon ZEICHEN.
C. Araxe - 2007.02.11, 21:11

Klar, was anderes meinte ich auch gar nicht. Nur dass es gar nicht mal einer erhöhten Abstraktion bedarf, um etwas Komplexes darzustellen und das hierzu Bilder zuerst genutzt wurden, die eben nicht nur Bilder sind.
:·)
honigsaum - 2007.02.11, 21:31

Ich selbst orientiere mich eher an Tönen (wie Sie vielleicht schon gemutmaßt haben), die auf mich auch eine heftigere Wirkung haben.
schneck06 - 2007.02.12, 02:06

um in diesem bilderkäfig weiterdenken (und -fühlen) zu können, bediene ich mich gerne des 'bildes vom bild'. erst das 'bild vom bilde', wenn möglich auch zu papier oder ton gebracht, enthüllt ebenjenes und macht die "anbetung" (den diskurs, würden andere sagen...) möglich, in aller subjektiven wie 'objektiven' reflektion.
C. Araxe - 2007.02.12, 09:21

@Frau Honigsaum
Wer fühlen will, muss hören. So heißt es doch, nicht wahr?

@Herr Schneck
Wenn es nur so einfach wäre mit dem Bild vom Bild, dass dann auch in diesem Sinne wirkt. Es kann genauso gut zum Klischee erstarren.
schneck06 - 2007.02.12, 09:25

einfach ist es nicht; und das klischee hat mehr drauf, als man so gemeinhin denkt...;-)
C. Araxe - 2007.02.12, 09:28

Sicher - man kann auch ein Klischee auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen.
honigsaum - 2007.02.12, 13:22

Ich dachte, es heißt: Wer nicht hören will, muss fühlen... :-)
C. Araxe - 2007.02.12, 14:23

Nein, nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so heißt, wie ich es geschrieben habe.
honigsaum - 2007.02.12, 14:36

Dann will ich Ihnen mal vertrauen *g*...
C. Araxe - 2007.02.12, 14:46

Sie sind aber leicht zu überzeugen. *g*
honigsaum - 2007.02.12, 14:50

Das erscheint mir in diesem Fall deutlich vorteilhafter...
C. Araxe - 2007.02.12, 14:53

Beim blinden Grauen gibt es blindes Vertrauen, sonst gäbe es blindes Verhauen, oder wie? *ggg*
honigsaum - 2007.02.12, 15:00

Tja, das Herz weiß Dinge, die der Verstand nicht kennt *g*!
sokrates2005 - 2007.02.12, 15:28

Zu diesem Beitrag ...

kam mir das Bild jener Bibliothek in den Kopf, dass ich mir machte, als ich "Der Name der Rose" las.
Mein Kopfbild war viel beeindruckender als die Bibliothek im Film ...

C. Araxe - 2007.02.12, 15:39

Das ist ja das Dilemma des typischen Hollywood-Films. Dass durch immer mehr Bombast (sprich Special effects etc.) versucht wird, zu beindrucken. Das trifft zwar auf „Der Name der Rose” weniger zu, aber auch da wird ja bildlich ziemlich geklotzt und dennoch nicht das erreicht, was man teilweise erwartet. Wie bei den meisten Verfilmungen von Büchern. Erst wenn der Film eigenständige Bilder entwickelt, kann er manchmal sogar besser als das Buch sein oder zumindest ebenbürtig.
Mephistopheles - 2007.02.13, 10:20

Gute Schriftsteller schaffen es immer wieder uns Bilder in den Kopf zu projizieren und unsere Phantasie erledigt den Rest. Manchmal können sogar gruselige Gräusche angsteinflößender sein als der blutigste Horrorfilm.

C. Araxe - 2007.02.13, 10:28

Ihr Lachen, was Sie da von sich geben? *g*
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