Vereitelter Festakt



"Der Teufel ist's, er hält die Fäden, die uns regen!
Das Widerliche schaun wir mit Begehrlichkeit;
ganz ohne Gruseln, durch Gestank und Dunkelheit, [...]
Leser, dies zartbeseelte Scheusal kennst auch du!
- Leser, du Heuchler, - du mein Bruder, -
meinesgleichen!"
Charles Baudelaire
Neben den vielen sehenswerten Friedhöfen, die ich unbedingt noch einmal ausführlicher ansehen muss, bietet Wien mit dem Bestattungsmuseum eine Ausstellung, die man sich ansehen sollte, wenn man sich für Wien interessiert, denn nirgendwo wird man es so gut kennen- und verstehenlernen, dieses besondere Verhältnis zum Tod. Es sind nicht nur die rund 1000 ausgestellten Exponate - von barocker Üppigkeit bis zu von Sparsamkeit geprägte Kuriositäten wie der „Klappsarg” Kaiser Josefs II. (Klappe auf, Klappe zu - fertig), sondern vor allem die kenntnisreiche und sehr unterhaltsame Führung durch Museumsleiter Wittigo Keller machen einen Besuch zu einem besonderen Erlebnis. Man sollte sich also keineswegs von der notwendigen Voranmeldung abschrecken lassen. Sehr erfreut hat mich, dass ich dort in den Räumlichkeiten der Bestattung Wien sogar einen Friedhof erwerben konnte - das ideale Geschenk für das kleine Monster, welches sich auch sehr darüber gefreut hat.
Dem Verwesungsprozess entkommen waren hingegen die meisten Ausstellungsstücke im Narrenturm, dem pathologisch-anatomischen Museum. Die Führung durch die nicht frei zugänglichen Bereiche von einem Medizinstudenten war hierbei auch sehr informativ und professionell. Hypochondern rate ich von einem Besuch ab. Nicht nur die echten Präparate sind sehr anschaulich, sondern auch die Moulagen.
Größtenteils nur dem Anatomischen ohne pathologische Befunde zugewendet sind wiederum die Wachsmodelle im Josephinum, dem Museum des Instituts für Geschichte der Medizin. Daneben gibt es ebenso wie im Narrenturm allerlei historische Gerätschaften zu sehen. Auch hierbei sollte man unter Umständen besipielsweise keinen anschließenden Besuch beim Zahnarzt planen. Momentan wird im Josephinum die Ausstellung 04_blanco_05 mit Werken von Vero de Vetter gezeigt, die tief unter die Haut gehen und Blicke in Abgründe wagen.

Dieser sehr beeindruckende Spaziergang war indes nicht das Ziel des Ausfluges, sondern der "Friedhof der Namenlosen" hatte uns hierher gelockt. Was der Wiener schlichte Eisenkreuze nennt, das ist, wenn man die durch Reformation geprägte Nüchternheit in Norddeutschland gewohnt ist, schon fast pompös zu bezeichnen. Eine letzte Ruhestätte für willige und unwillige Opfer der Donaufluten, über deren Schicksale man sich an diesem Ort unweigerlich Gedanken macht.
"Wenn Ruh' und Frieden ihr gesucht,
ihr arggequälten Herzen,
fern von der Welt, die euch nun sucht,
hier gibt es keine Schmerzen."
Nähere Informationen gibt es hier , da oder dort .