Wer hier heute um 5.25 Uhr nach dem „Club der unausgeschlafenen Verrückten” gegoogelt hat, erhält selbstredend ohne weiteres sofort eine Mitgliedschaft.
Lange Zeit war da einfach nichts. Obwohl der Platz bewusst frei gehalten worden war, dauerte es, bis er nun doch gefüllt wurde. Die Gründe hierfür mögen weniger an mangelnder Gelegenheit liegen. Manchmal dauert es mitunter Jahre, bis Entscheidungen getroffen werden. Was nicht bedeutet, dass dies nach reichlicher Überlegung geschieht – oft mögen es ganz unscheinbare Vorkommnisse sein, die den Anstoß zu einer Veränderung geben. Oder es ist eben genau der richtige Zeitpunkt erreicht, wobei man eigentlich auch nicht so genau weiß, worin dieser begründet ist. Vorstellungen, was man zwischen den Zierleisten sehen könnte, hatte man natürlich zuvor – aber so etwas ist genauso ambivalent, wie das, was man zwischen Zeilen lesen kann. Erst sehenden Auges glaubt man an eine Wirklichkeit.
Es gibt triftige Gründe, warum man sich in eine Galerie begeben sollte, die sich nicht in der achsokreativen Schanze oder so befindet, sondern gediegner in einem der Elbvororte und die noch nicht einmal über eine Homepage verfügt, denn neben den ausgestellten und den bei der Vernissage vornehmlich herum wandelnden Antiquitäten gibt es in der Elbdörfer Galerie Werke von Katrin Graalmann zu sehen. Das Ambiente passte zwar nicht so ganz zu diesen Radierungen, ist aber sicher zur weiteren Karriereplanung förderlich. Dass diese Künstlerin weiterhin kreativ tätig ist, wäre jedenfalls sehr wünschenswert. Obwohl die Wände fast schon zu voll waren, hätte ich mir auch noch mehr zum Anschauen gewünscht. Und wo wir schon mal beim Wünschen sind: die nach wie vor nicht aufgetauchte Geschichte samt aller Illustrationen könnte ich mir sehr gut als Buch vorstellen. Aber man kann nicht immer alles haben, wie dann gestern Abend auch das kleine Monster feststellen musste, als es die restlichen Käsewürfel beim Verlassen der Vernissage zurückliess.
Natürlich war ich gestern Abend hauptsächlich unterwegs, um auch noch etwas anderes zu sehen – Bilder von toten Mäusen hatte ich schließlich selbst noch auf meiner Kamera gespeichert (könnte man ja mal bloggen, auch wenn es diesbezüglich eigentlich schon genug gibt) – nämlich wiedereinmal ein Konzert von CocoRosie. Die erste Überraschung gab es beim Betreten der Location auf Kampnagel: der Konzertsaal war bestuhlt ... Später wurde das dann als doch gar nicht mal so schlecht empfunden, da die beiden Casady-Schwestern nebst Begleitung über wahrscheinlich größeres Stehvermögen als man selbst verfügten und sich eine sehr lange Spielzeit ergab. Spielzeit ist genau das richtige Stichwort, denn die Musik bewegte sich wieder mehr zu der Verspieltheit der Anfangsphase hin und weg von Ghettoattitüde, Hip Hop, Beatbox etc. Dabei hatte ich mich daran ja inzwischen gewöhnt. Die gestrige Instrumentierung mit Flügel, Harfe und dezenterer Perkussion u.a. wäre recht zurückhaltend klassisch gewesen, wenn da nicht noch neben einem Laptop der reich mit Kinderpielzeug gedeckte Gabentisch gewesen wäre, der dann doch einfach zu CocoRosie gehört. „Pippi Langstrumpf auf Absinth”, meinte der Absinthexperte – diese Musik kann man aber auch ohne Absinth genießen. Man darf nur nicht so verengte Gehörgänge haben.
Nach langer Zeit habe ich am Wochenende mal wieder die grüne Fee getroffen. Eigentlich wusste ich ganz genau, dass es seine Gründe hatte, dass wir uns so lange nicht gesehen haben. Und so wunderte ich mich am nächsten Tag nicht allzu sehr, dass dieser nicht existierte. Oder ich nicht. Oder beides.
Und Zeit habe ich momentan (zumindest theoretisch) soundso mehr als mir lieb ist. Nichtsdestotrotz ist die eine Woche Urlaub so schnell vergangen, dass ich meinen könnte, sie wäre gar nicht gewesen. Zu berichten gibt es darüber auch nichts spannendes. Einen Bumerang ins Jenseits zu befördern ist beispielsweise nicht sehr spektakulär.
Eigentlich bin ich momentan viel zu wuschig, um zu bloggen (ja, auch um E-Mails zu beantworten, aber das kommt noch - Monsterehrenwort!) und als ob ich nicht schon genug durcheinander wäre, ereignete sich heute Morgen etwas, das für noch mehr Verwirrung und damit aber auch Ablenkung sorgte. Zumindest für eine Weile.
Als ich an der Krähe in einem Meter Abstand vorbei ging und sie nicht wegflog, wunderte ich mich etwas. Dass sie mich die ganze Zeit dabei ankrähte, wunderte mich auch nur etwas und ich dachte bloß: „selber krah.” Wirklich verwundert war ich aber, als ich dann ihre Krallen am Hinterkopf spürte.
Noch nachmittags im Bett liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Erst wieder raus gehen, als es anfängt zu regnen, auch wenn es dann kühler geworden ist, weil man nicht genug bekommen kann – vom Geruch des Regens. Das Wundern und die Freude darüber nicht verlernt haben, dass alles immer noch grüner werden kann.
„Musik war schon immer eine Form der Lärmkontrolle, das heißt, eine Kontrolle des akustischen Anteils und des Äquivalents von Gewalt. Was wird bei jeder nur erdenklichen Opferszene im Hintergrund gespiet? Musik. Im Vordergrund, musikalisch überdeckt, hört man das lautstarke Knarren der Foltermaschinen und das Schreien der Opfer. Aber kraft dessen, was sie gegen oder mit dem Lärm erreicht, überdeckt und kontrolliert die Musik, die immer Hintergrundmusik ist, die Szene der Opferung und trägt dazu bei, die automatische Eskalation uneingeschränkter Gewalt zurückzudrängen.
Musik geht also mit Szenen der Opferung einher und repräsentiert sie, und in immer stärkeren Ausmaß sind wir über Kopfhörer und Walkmans [etc.], im Zeitalter der musikalischen Repetition, an den Boom dieser Opferszene angeschlossen – als vereinzelte (vielleicht sogar autistische) Teilnehmer in einem Netzwerk aus Identifikationsbeziehungen, die immer stärker individualisiert und käuflich sind. In der Ära der Repräsentation füllte die Musik die Zeit als gemeinschaftliches Ereignis; es war ein Ereignis, bei dem Zuhören und Aufführung zusammen als Gruppe stattfand. Heute ist jede Performance das Playback eines bereits aufgenommenen Hits. Und während jeder Musikkonsument isoliert ist, ist jeder aber auch eine Einer-Gruppe. Die Überisolation jedes Zuhörers ist die Franchise-Erweiterung der Gruppe. Und wir, die wir solo unter unserem Kopfhörer in die akustischen Szenen der Gewalt und der Opferung hineingeworfen sind, haben nur noch etwas Zeit übrig – Zeit, um diese Aufnahmen zu kaufen [oder auf anderen Wegen zu besorgen]. Unsere Kaufkraft häuft stapelweise Aufnahmen an, wobei wir nie die Zeit haben werden, sie alle anzuhören. Es ist eine Form der Vorratsbildung. Wir bunkern diese Musikaufnahmen; wir bunkern, anders gesagt, unsere gesellschaftlichen Beziehungen – die gesellschaftlichen Beziehungen, zu denen ja der Opfer- oder Identifikationszusammenhang von Gewalt und Lärmkontrolle gehört, der das Anhören von Musik ermöglicht oder miteinschließt. Das ultimative Modell für diese Vorratsbildung war das nukleare Waffenlager des Kalten Krieges ...”